„Das Lager im Dorf lassen“ – Gespräch mit Autorin Gesa Trojan
Von Neuengamme haben an dieser Schule wohl schon viele gehört. Zuallererst, weil dort viele unserer Schüler*innen wohnen, aber nicht zuletzt auch deswegen, weil dort die Gedenkstätte KZ-Neuengamme liegt. Das ehemalige Konzentrationslager befindet sich mitten imOrtskern und ist von mehreren Straßen gut einsehbar. Vor allem Menschen, die in Neuengamme und den umliegenden Dörfern wohnen, werden also wahrscheinlich schon einmal daran vorbeigefahren sein. Und trotzdem scheint es im kaum eine Rolle im Dorfleben zu spielen.
Wie kann es sein, dass ein so geschichtsträchtiger Ort so wenig im Bewusstsein der Menschen ist, die in unmittelbarer Nähe wohnen?
Über diese und weitere Fragen haben wir, zwei ProfilkursGeschichte aus S1 und S3, mit Gesa Trojan gesprochen, die für die „Wochen des Gedenkens“ aus Berlin zu uns gekommen ist. Sie ist ehemalige Luisen-Schülerin und in Neuengamme groß geworden. Nach ihrem Abitur studierte sie Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg und schrieb eine Magisterarbeit, die später als Buch gedruckt wurde. Der Titel: „Das Lager im Dorf lassen“.
Auf der Suche nach dem Thema für ihre Abschlussarbeitkam ihr das ehemalige KZ in ihrer Heimat in den Sinn. Und die gleiche Frage, die wir uns eben gestellt haben: „Wie kann es sein, dass ich mich mit diesem Ort nie beschäftigt habe und darüber kaum gesprochen wurde?“.
Ihre Methode beruht vor allem auf Gesprächen mit verschiedenen Generationen der Neuengammer*innen. Hauptsächlich mit der Generation Menschen, die zur Zeit des KZs noch Kinder waren. Dabei musste sie in den Interviews eher unkonventionell vorgehen. Ihr erster Versuch als Studentin, als professionelle Forscherin, an die Menschen heranzutreten, führte ins Leere. Erfolge erzielte sie tatsächlich eher auf persönlicher Ebene, als die „Enkelin der netten Nachbarin, die Hilfe mit der Schule braucht“.
Die Interviews ähneln sich in gewisser Weise. Die Menschen brachen oft ab, erzählten von der gleichen Situation zweimal, aber aus verschiedenen Blickwinkeln oder vermischten ihre eigenen Erinnerungen mit dem Wissen, das sie in den vergangenen Jahren gesammelt hatten, so dass es schwierig war, die realen Erinnerungen und die hinzugefügten Details klar voneinander zu trennen. Trojan ging auch näher auf einige Interviews ein. Beispielhaft erzählte sie von einer Frau, die als Kind häufig an der Dove Elbe gespielt hatte und glückliche Kindheitserinnerungen mit diesem Ort verband. Im selben Gespräch berichtete sie jedoch auch davon, wie sie gesehen hatte, wie Häftlinge des KZs die Dove Elbe hatten ausbuddeln müssen und dabei strengstens bewacht wurden. Sie verband mit diesem Ort gleich zwei fast gegensätzliche Erinnerungen, die eine mit Freude verbunden, die andere mit Unbehagen. Denn das KZ und die Häftlinge wurden nicht etwa vor den Dorfbewohnern versteckt.
Wie schon erwähnt, war das KZ von vielen Punkten im Ort gut zu sehen, und die Allee vor dem Arbeitslager war auchdamals grundsätzlich passierbar. So erinnerte sich etwa ein älterer Herr daran, wie er als Junge an den Schlagbäumen zu beiden Seiten der Straße darauf gewartete hatte, dass die Beamten, die die Straße kontrollierten, den Durchgang für ihn freigaben. Den Menschen und auch den Kindern waren die Zustände im KZ durchaus bewusst.
Klarzustellen ist jedoch, dass die damaligen Kinder nicht zur sogenannten Tätergeneration gehören. Dennoch konnte Trojan in den Interviews feststellen, wie vorsichtig die Menschen mit dem Thema umgingen, vermutlich aufgrund von Scham oder Unwohlsein, das diese Erinnerungen auslösten. Trojan führte das zum Beispiel auf das Problem zurück, dass vielen Interviewten schlichtweg die Worte fehlten, um das Erlebte auszudrücken. Möglicherweise sei dies aus Angst davor geschehen, nicht politisch korrekte Formulierungen zu nutzen.
Insgesamt gewann Trojan aber viele Einblicke in den Alltag der Menschen zu der Zeit, als die SS im KZ noch Häftlinge zur Arbeit zwang.
Wir haben aber nicht nur über Trojans Arbeitsweise und die geführten Interviews gesprochen, sondern uns auch über unsere eigenen Erfahrungen ausgetauscht.
Uns Schüler*innen hat das Gespräch mit Gesa Trojan deshalb sehr gefallen und uns zum Nachdenken angeregt.Bei der Vorbereitung auf das Gespräch und auch währenddessen ist uns aufgefallen, wie sehr der Ort des ehemaligen Konzentrationslagers immer noch ein Randerscheinung für viele darstellt; eine Art graue Zone, von der man zwar ein wenig weiß, die aber im tatsächlichen Alltag keine große Rolle spielt, obwohl sie historisch so wichtig ist. Gesa Trojan bezeichnet diesen Ort sehr treffend als eine Art „Ufo“ im Dorf, also etwas, dass sich fremd anfühlt, so als wäre es nicht wirklich Teil der Dorfgemeinschaft und Dorfgeschichte. Vor allem aber ein Ort, der Unbehagen in vielen von uns hervorruft, die daran vorbeifahren. Mehrere Schüler*innen aus unserem Geschichtskurs haben auch erzählt, dass sie die Straße vor der KZ-Gedenkstätte meiden, oder dass im Auto kurzes Schweigen herrscht, wenn sie daran vorbeifahren. Warum, war uns allen nicht so ganz klar. Vielleicht, weil der Ort einschüchtert und mit so viel Leid verbunden ist, vielleicht aber auch, weil er, so banal es auch klingt, von vielen Menschen im Dorf einfach nicht wirklich wahrgenommen wird und er im Alltag keine große Rolle spielt.
Eine weitere Parallelen zwischen Gesa Trojans Erfahrungen und unseren heute ist zudem
auch die Art, wie über das ehemalige Konzentrationslager informiert wird
bzw. wo. Denn wie bei Trojan und mehreren von uns im Geschichtskurs war das ehemalige KZ kein Thema in der Familie oder im Freundeskreis. Wirklich informiert wurden viele von uns „gezwungenermaßen“ erst in der Schule durch einen gemeinsamen Besuch der Gedenkstätte.
Doch gerade das waren die Momente im Gespräch mit Gesa Trojan, die besonders interessant waren. Denn die Gedenkstätte Neuengamme ist kein Ort, der weit entfernt ist und über den man nur in Büchern liest, oder den man auf Fotos sieht. Es ist ein Ort, der in unserer unmittelbaren Nähe liegt und damit so viel realer ist. So haben viele von uns noch einmal gemerkt, wie wenig sie darüber in der Vergangenheit nachgedacht haben. Es war spannend, sich mit dem Ort noch einmal so aktiv auseinanderzusetzen, weil es so viele neue Perspektiven aufgeworfen hat. Denn Gesa Trojan hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie mehrere Schüler*innen aus unserem Kurs. Und weil sie eine ehemalige Schülerin ist, konnten sich viele aus unserem Kurs mit ihr identifizieren, was das Gespräch sehr persönlich gemacht hat.
Es ist wichtig, sich mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen – gerade, weil man so nah an einem Mahnmal der Gräueltaten der NS-Zeit lebt. Umso interessanter wird dieses Thema, wenn man sich mit Menschen wie Gesa Trojan unterhält und austauscht. Wir danken ihr für ihren Besuch.
Text Hanna Wiesmann (Profilkurs Geschichte S1)


