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Die Philosophenecke

Essays

Ein Essay ist eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Hier werden solche Essays von Schüerinnen und Schüeln des Luisengymnasiums gezeigt!

  • Freiheit des eigenen Willens

    Christian Offen
  • Wenn man Entscheidungen trifft, ist man bemüht, freie Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidungsfreiheit und die Willensfreiheit werden angestrebt, die Freiheit oft als das höchste Gut bezeichnet und gleichzeitig angezweifelt. Daher ist es an der Zeit zu fragen, was Entscheidungsfreiheit und Willensfreiheit überhaupt bedeuten und wie sie funktionieren.

    Die meisten Menschen gehen davon aus, dass ihr Wille grundsätzlich frei sei, obwohl sie zugestehen müssen, dass ihr Wille sich durch Umweltfaktoren wie Werbung beeinflussen lässt, was durch zahlreiche Studien belegt ist. Wie also funktioniert die Bildung unseres Willens in philosophischer Hinsicht? Sie könnte es wie folgend tun:

    Wenn wir uns für oder gegen etwas entscheiden und über unsere Entscheidung nachdenken, können wir meistens eine Begründung für unsere Entscheidung finden. Wir könnten jemanden anderen erklären, warum wir uns so und nicht anders entschieden haben. Unsere Entscheidungen beruhen auf Faktoren, die wir gegeneinander abwiegen. Dieses geschieht oft im Unterbewusstsein. Solche Faktoren können Umweltfaktoren sein oder unser Instinkt.

    Nun mag jeder Einzelne diese Faktoren unterschiedlich bewerten und gewichten, was man auf unterschiedliche Erziehung und/oder persönliche Erlebnisse, die zu unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen resultieren, zurückführen kann. Man kann folglich sagen, um die These zusammenzufassen, dass jede Entscheidung und unsere Meinung auf Umwelteinflüsse und/oder unsere Gene, die unsere Instinkte verursachen, zurückzuführen seien.

    Aus dieser These zur Bildung des eigenen Willens folgt, dass wir jede Entscheidung, die wir getroffen haben, gar nicht anders hätten treffen können und dass Entscheidungen, könnte man die Welt in ihrer gesamten Komplexität erfassen, hätte man also nur genügend Informationen, vorausberechnet werden könnten.

    Stellt man sich folglich die exakt gleiche Situation mit vollständig identischen Lebewesen vor, auf die immer die gleichen Umwelteinflüsse geherrscht haben und immer noch herrschen z.B. in Paralleluniversen, so würden alle Wesen die gleichen Entscheidung getroffen haben und treffen (nach den gleichen Bedenkzeiten und nach den gleichen Bedenken). Ein Wille, dessen Bildung wie eben beschrieben funktioniert, kann nicht frei sein, denn er ist ausschließlich durch Umwelteinflüsse und Instinkte bestimmt und somit vorausberechenbar.

    Wie aber sähe eine freie Entscheidung und somit ein freier Wille aus? Nimmt man die Freiheit des Willens an, so kommt man zu dem Schluss, dass sich die Wesen in den Paralleluniversen in ihren Entscheidungen unterschiedlich verhalten haben müssten. Wie aber würde die Bildung ihres Willens funktionieren? Betrachten wir vorerst diesen Fall im Extrem und schließen die Umweltfaktoren, die auf die Wesen (im Paralleluniversum) wirken, vollkommen aus. Die Wesen entscheiden also vollständig von den Einflüssen der Umwelt und ihrer Instinkte distanziert. Was könnten sie zur Grundlage ihrer Entscheidungen machen? Es bliebe nur noch der Faktor Zufall.

    Wenn der Zufall als Grundlage von Entscheidungen fungiert, resultieren dann diese Entscheidungen eines freien Willens? Wenn unsere Gehirne unseren Willen wie ein Zufallsgenerator berechnen, können wir dann unseren Willen als frei bezeichnen? Nein, denn wie kann ein Wille frei sein, wenn einem der Zufall die Meinungsbildung und die Entscheidungen abnimmt.

    Kommen wir zur Synthese des Willens, der durch Umwelteinflüsse und Instinkte bestimmt ist und des Willens, dessen Entscheidungen dem Zufall entspringen. Ein solcher Wille ist unser Alltagsverständnis eines eigenen Willens: Zwar werden Beweggründe, die auf Umwelteinflüsse zurückzuführen sind, zur Grundlage von Entscheidungen gemacht, der Faktor Zufall wird aber berücksichtigt. Somit ist die Entscheidung des Einzelnen nicht vorauszusehen, der Wille und die Meinung erscheinen zwar möglicherweise beeinflusst, aber als grundsätzlich frei.

    Aber mit welcher Begründung kann man einen solchen Willen als frei bezeichnen, wenn er doch direkt aus den Faktoren Umwelteinflüsse (gewesene und gerade stattfindende), Instinkte und Zufällen resultiert? Wie aber anders sollten die Bildung des eigenen Willens, der eigenen Meinung und das Treffen von Entscheidungen frei funktionieren?

    Der freie Wille ist nicht frei. Ein wirklich freier Wille ist ein Paradox, das nicht existieren kann, aber der freie Wille, die freie Meinung und die freie Entscheidung können Ideale darstellen, wenn man sie als Annäherungsversuch an einen unbeeinflussten Willen, eine unbeeinflusste Meinung und/oder Entscheidung definiert.

    Es kann keine freie Meinung, keine freie Entscheidung und keinen freien Willen geben, aber sie sind es wert, als Ideale angenähert zu werden, indem man versucht unabhängig von Vorurteilen und direkten Einflüssen zu denken und zu handeln.

  • Über die "Virtuelle Realität" - Die Welt im Computerspiel

    Christian Offen
  • Der Kommunikationwissenschaftler Friedrich Krotz sagt in seinem Aufsatz Die Welt im Computerspiel aus, „das Computerspiel sei eine neue Spielform&rdquo, die “neue Beziehungsmöglichkeiten, neue Konstruktionsweisen der Wirklichkeit und neue Dimensionen der persönlichen und sozialen Identität anbiete[]”. Welche Auswirkungen hat diese $ldquo;neue Spiel-Form&rdquo?

    Friedrich Krotz bezieht sich in seiner Analyse insbesondere auf Online-Spiele. Diese Spielform ermöglicht und verlangt die Kommunikation (wenn auch nicht immer verbal) mit den Mitspielern. In früheren Medien, wie Offline-Computerspielen, Fernsehen und Büchern war dieses nicht der Fall. So können durch Online-Spiele neue Kontakte zu anderen Menschen entstehen; aber diese Kontakte werden anders sein als ein realer Kontakt mit Mitmenschen, denn dieser Kontakt in der “Virtuellen Realität&rdquo wird sich meistens ausschließlich auf die virtuelle Welt beziehen, der keinen Kontakt in der realen Welt ersetzen kann.

    So ersetzt dieser Kontakt in einem Online-Spiel nur auf zeitlicher Ebene einen realen Kontakt, nicht aber qualitativ, weshalb es zur Vereinsamung und Isolation betroffener Menschen kommen könnte, wenn virtuelle Kontakte auf Kosten realer Kontakte gepflegt werden. Doch gerade diese virtuellen Kontakte können eine neue Beziehungsmöglichkeit bieten, die in ihrer Unverbindlichkeit zur realen Welt auch ein Fluchtort sein kann.

    Krotz´ Analyse geht noch weiter, indem sie aussagt, Online-Spiele böten nicht nur “neue Beziehungsmöglichkeiten&rdquo, sondern sogar “neue Dimensionen der sozialen Identität”. In virtuellen Welten kann man Positionen besetzen und verschiedenste Dinge ausprobieren, die einem in der Realität verwehrt blieben.

    Zweifellos kann man aussagen, dass der Beruf oder die Position, die jemand in der realen Welt ausfüllt, einen wichtigen Teil seiner Identität bildet. Wenn jemand in der virtuellen Welt Feldherr ist, Geschäftsmann ist oder versucht in einer Schießerei zu überleben, muss dieses Einfluss auf seine Identität ausüben; insbesondere dann, wenn er in Online-Spielen sich mit anderen Spielern messen kann und möglicherweise Ruhm und Ansehen erlangt.

    Diese Möglichkeit nennt Krotz eine “neue Dimension&rdquo. Unsere Identität wird auf die virtuelle Welt erweitert, da Computerspiele durchaus etwas Emotionales sind. Ich würde diese Möglichkeit als positiv ansehen, da Menschen Chancen bekommen, ihre Identität auszubilden, was für ein zufriedenes Leben wichtig ist.

    Allerdings könnte es dazu kommen, dass Menschen sich aus der realen Welt zurück ziehen, da sie sich in der virtuellen Welt geborgener fühlen und nur in dieser soziale Kontakte pflegen. Dieser Rückzug muss zur Vereinsamung führen. Und gerade weil virtuelle Welten uns alles bieten können, das wir im realen Leben vermissen, sind sie mit Vorsicht und in Maßen zu genießen.

    Die exzessive Nutzung funktioniert in dieser “neuen Spiel-Form&rdquo besser als in jeder anderen jemals zuvor. Daraus folgt, dass das gesunde Mittelmaß gefunden werden muss, dass die “neuen Dimensionen&rdquo unserer Identität zwar ausgebildet werden sollten, aber die Dimensionen, die sich auf das reale Leben beziehen, nicht verdrängt werden sollten.

    Im Normalfall bleibt das Computerspiel ein Spiel, unabhängig von der Realität, so dass auch seine Auswirkungen, wenn es denn als Spiel angesehen wird, außerhalb der realen Welt bleiben. So ist z.B. die Wiederholbarkeit, die eine wichtige Eigenschaft des Spiels darstellt, nicht Eigenschaft der realen Welt.

    Wenn ein Spiel für manche Menschen doch Auswirkungen (ich spreche hier von größeren Auswirkungen, also nicht etwa von der Beeinflussung durch Werbung im Spiel, sondern von sozialem Rückzug oder Aggression) auf die reale Welt hat, so sind die Ursachen dieser Auswirkungen eher in der Realität als in der Spielform und deren Inhalten zu suchen.

    Nach Friedrich Krotz vermittle uns ein Computerspiel neben “neue[n] Beziehungsmöglichkeiten&rdquo und “neue[n] Dimensionen der persönlichen und sozialen Identität&rdquo zudem “neue Konstruktionsweisen der Wirklichkeit&rdquo: Was sich Menschen früher nur mit komplizierten Gleichnissen, wie dem Höhlengleichnis von Platon, vorstellen konnten, gelingt uns heutzutage durch die selbstverständliche Anwesenheit einer “Virtuelle[n] Realität” leichter.

    So können Computerspiele aus philosophischer Sicht Anregungen zum Nachdenken darüber geben, wie unsere reale Welt funktioniert und ob wir sie verändern sollten. Die “Virtuelle Realität” schenkt uns eine Abstraktionsebene, die wir auf unsere reale Welt anwenden können.

    Könnten Computerspiele somit nicht dazu genutzt werden, Menschen gezielt zu manipulieren, ihre Sicht auf die reale Welt zu verklären, ihnen politische Ansichten “spielerisch” aufzuzwingen? Hierzu eigen sich allerdings andere Medien wie Fernsehen oder Zeitungen besser, da hier dem Menschen “vorgesetzt” wird, was er glauben soll, während in PC-Spielen höchstens das Prinzip der Schleichwerbung funktionieren kann, da hier der Spieler selber handeln möchte.

    Im richtigen Maße benutzt, bereichert uns das Computerspiel folglich um eine Abstraktionsebene, um Beziehungen, Medienkompetenz, um neue Wirklichkeiten und all das zusammen um eine “neue Dimension der persönlichen und sozialen Identität.“

  • Über das Ganze

    Leon H.
  • Dieses Essay spiegelt sowohl einen Glauben, als auch Fakten zum Glauben und bewiesene Fakten wieder. So ist zum Beispiel der Umstand, dass Menschen einen K├Ârper (das Werkzeug) und eine Seele haben nur ein Glaube, einer von vielen, der (vorerst!) nicht bewiesen werden kann. Fakten zu dem Glauben muss ich wohl nicht nennen, sie stehen im dritten Absatz. Bewiesene Fakten sind, dass Beleidigungen und andere physikalische Umst├Ąnde zu geistigen Ver├Ąnderungen/Erkrankungen (Depressionen etc.) f├╝hren k├Ânnen und diese den K├Ârper behindern.

    Zu den direkten ├ťberlegungen ├╝ber das Ganze m├Âchte ich sagen, dass sie geschickt, wenn auch simpel gew├Ąhlt sind.

    Das Ganze besteht aus Allem und wird geformt durch Alles. Mir erscheint diese Formulierung zu wage und auf uns Menschen unanwendbar.

    Ein Versuch von mir: Das Ganze ist alles Existente und Inexistente. Das Nichts und das Alles, jeglicher Gedanke und jede unm├Âgliche F├╝gung.

    Es kommt der Urspr├╝nglich von Frau Knospe gew├Ąhlten Formulierung ├Ąhnlich, unterscheidet sich doch in dem Punkt, dass das Nichts, also das was nicht existiert, ebenfalls zum Ganzen geh├Ârt.

    Ich h├Âre nun schon manche denken: Dann ist doch das Ganze gar nicht nennbar, weil ihm etwas Inexistentes angeh├Ârt, was ebenfalls nicht nennbar ist.

    Vorweg direkt meine Antwort: Genau so ist es. Das Ganze ist an sich und insgesamt nicht erkl├Ąrbar. Ebenso wie der Grund einer Existenz oder Nichtexistenz. Ich m├Âchte hier auf Bollnow zur├╝ckkommen, der in einem Text hervorragend erkl├Ąrt hat, dass man sich an seinen eigenen Anfang nicht erinnern kann. Und wenn Sie, geneigter Leser mal nachdenken, werden sie feststellen, das Bollnow recht hat. Man kann sich nur von Anderen, Au├čenstehenden erkl├Ąren lassen, wie es zur eigenen Entstehung kam. ├ťberlegt man nun einmal was vor der Existenz existiert hat kommt man zwangsl├Ąufig auf keine Antwort, da es die Nichtexistenz oder das Nichts sein muss, was auf Grund der eigenen Definition nicht existiert.

    Um es auf einen Punkt zu bringen: Das Ganze ist nicht fassbar.

  • Ethik und Gefühle

    Christian Offen
  • Die philosophische Disziplin Ethik befasst sich mit der Begr├╝ndbarkeit von Moral. Was haben Verfahren zur moralischen Urteilsfindung und ihre Begr├╝ndungen mit Gef├╝hlen zu tun? Je weniger, desto besser, ist die klassische Lehrmeinung (z.B. Immanuel Kants). Man ist in bester Gesellschaft, wenn man versucht, Ethik unter Ausschluss von subjektiven Gef├╝hlen oder Trieben, die den Verstand tr├╝ben k├Ânnten, zu betreiben. Schlie├člich sollen moralische Entscheidungen objektiv gerecht sein, sodass sie allgemeing├╝ltig sind und von allen Betroffenen aus den verschiedensten Positionen als gerecht und als moralisch richtig angesehen werden k├Ânnen. Um dieses zu erreichen, m├Âchte man meinen, sollte man sich auf die Sch├Ąrfe des Verstandes und die festen S├Ąulen der Logik st├╝tzen, anstatt sich auf subjektive und unbest├Ąndige Gef├╝hle zu verlassen. Wie k├Ânnte man zu einer moralisch richtigen Entscheidung finden, wenn man sich nicht auf universelle Prinzipien der Gerechtigkeit st├╝tzt und auf Logik, die f├╝r jeden ausnahmslos gilt.

    Bei streng rationalen ├ťberlegungen und der k├╝hlen Anwendung der Logik zur Findung einer moralischen Entscheidung vergessen wir, was uns dazu eigentlich veranlasst: Was ist es, das uns antreibt, moralisch richtige Entscheidungen treffen zu wollen? Warum ist es uns nicht gleichg├╝ltig, ob eine Entscheidung mit ethischen Prinzipien vereinbar ist, insbesondere, wenn ihre Auswirkungen uns nicht direkt selbst betreffen?

    Unser Sprachgebrauch verr├Ąt uns, dass Gef├╝hle uns zu moralischen ├ťberlegungen und Handlungen treiben: "Das finde ich ungerecht" ist der Ausdruck eines Gef├╝hls, n├Ąmlich des Empfindens von Ungerechtigkeit. Es gibt das Gerechtigkeitsempfinden, das Mitleid oder auch das Empfinden von Wut, wenn man sich ├╝ber Ungerechtigkeit ├Ąrgert. W├╝rden wir aber nicht moralisch besser urteilen k├Ânnen, wenn wir uns von diesen den Verstand tr├╝benden, Urteile verf├Ąlschenden und zu Kurzschlussreaktionen dr├Ąngenden Gef├╝hlen und Trieben distanzieren k├Ânnten? Jener Zustand w├Ąre doch ideal, um eine auf Rationalit├Ąt beruhende moralisch richtige Entscheidung zu finden?

    Stellen wir uns diesen "Idealzustand" einmal vor: Was w├╝rde passieren, wenn wir ohne Triebe und Gef├╝hle w├Ąren? Uns w├Ąre alles gleichg├╝ltig. Wir h├Ątten nichts, dass uns antreibt, irgendetwas zu tun, wie der Computer, auf dem kein Programm ausgef├╝hrt wird. Ohne ├ťberlebenstrieb w├Ąre uns weder unser eigenes Leben noch irgendein anderes Leben lieb. Ob wir verhungern oder verdursten, w├Ąre uns gleichg├╝ltig, denn es g├Ąbe kein Hungergef├╝hl und kein Trieb w├╝rde und zwingen, unser Leben zu erhalten. Werte wie Gerechtigkeit und die Unantastbarkeit menschlichen Lebens w├╝rden nicht existieren, denn sie resultieren aus unseren Gef├╝hlen und Trieben. In einem solchen Zustand ohne Werte kann es keine Moral geben.

    Wir m├╝ssen folglich zugeben, dass unsere Werte nicht unabh├Ąngig wahr, sondern in Abh├Ąngigkeit von uns bestehen. Die Unantastbarkeit menschlichen Lebens existiert nicht wie eine mathematische Wahrheit, sondern gilt nur, weil wir selbst Menschen sind. Dieses erkl├Ąrt, warum wir anderes Leben als so viel weniger sch├╝tzenswert erachten: Bei anderem als bei menschlichem Leben unterscheiden wir, ob es unser geliebtes Haustier ist, ob es eine Fliege ist, die nervt, oder ob es eine Pflanze ist, die wir als Unkraut betrachten. Ob wir Tiere lieben oder ob wir sie als Sch├Ądlinge betrachten, entscheidet ├╝ber den Wert ihres Lebens. Oftmals wird die Hierarchie in den Werten des Lebens auch nach dem Bewusstseinszustand der Lebewesen geordnet. F├╝r per Definition menschliche Wesen werden jedoch andere Ma├čst├Ąbe angewendet, wie z.B. f├╝r unbewusste menschliche Embryonen oder Komapatienten: Menschliches Leben wird unabh├Ąngig von seinem Nutzen oder dem Bewusstseinszustand des menschlichen Wesens als wertvoll erachtet.

    Wir machen f├╝r uns Menschen eine gro├če Ausnahme und setzen universelle Werte, die uns unsere Unantastbarkeit garantieren. Eine Wertesetzung ist n├Âtig, denn ohne Werte w├Ąren ethische Betrachtungen gegenstandslos. Und auch ihre universelle G├╝ltigkeit ist n├Âtig, denn wie sollte man sonst einen Konsens verschiedener Perspektiven finden k├Ânnen. Wir sollten allerdings so ehrlich sein und zugeben, dass, wie abstrakt und rational die moralische Entscheidungsfindung auch sein mag, sie sich doch auf Werte, die aus subjektiven Gef├╝hlen und Trieben erwachsen sind, st├╝tzt.

  • Was wäre, wenn sich unser Leben in einer Endlosschleife befände?

    Christian Offen
  • Stellen Sie sich vor, Ihnen w├╝rde angeboten, dass Sie ab sofort Ihr Leben wiederholen d├╝rften! Sie w├╝rden unwissend wiedergeboren und k├Ânnten Ihr Leben noch einmal durchlaufen. Alles w├╝rde f├╝r Sie noch einmal passieren, aber Sie k├Ânnten die Wiederholung ihres Lebens nicht bemerken, denn alle Ihre Empfindungen, Gedanken und Erlebnisse w├Ąren exakt die gleichen, die Sie schon einmal erlebt h├Ątten. Sie w├╝rden Ihr Leben also noch einmal bis zu diesem Tag durchleben, an dem Ihnen wieder das Angebot der Wiederholung gemacht werden w├╝rde, dem Sie, wenn Sie ihm einmal zugestimmt h├Ątten, folgerichtig wieder zustimmen m├╝ssten, denn Ihre Gedanken und Empfindungen w├╝rden sich exakt wiederholen. Somit geriete Ihr Leben in einen unendlichen Zyklus. W├╝rden Sie auf das Angebot eingehen?

    Um diese Frage beantworten zu k├Ânnen, fragt man sich zuerst, ob das Leben bis zum heutigen Tag ├╝berwiegend angenehm oder belastend gewesen sei. Ist man mit seinem Leben eher zufrieden oder unzufrieden? Hat man mehr gelacht oder mehr geweint? Wenn das Leben bis zum heutigen Tag eine Last gewesen ist, ist man sicherlich nicht bereit, es unendlich oft zu wiederholen, aber auch wenn man sein Leben ├╝berwiegend positiv sieht, m├Âchte man wirklich in eine Endlosschleife geraten?

    Die Frage, ob wir unser Leben wiederholen m├Âchten, bringt zum Vorschein, ob wir unser Leben eher als Aufgabe oder als Geschenk sehen: Alles, was wir m├╝hsam erreicht haben, Erfahrungen, die wir leidvoll machen mussten, alles, was unserem Leben m├Âglicherweise einen tieferen Sinn gegeben hat, wird bei einer Wiederholung "in statu quo ante" zur├╝ck gesetzt und muss wieder neu erarbeitet werden. So wie in der altgriechischen Mythologie Sisyphus zur Strafe ein Felsst├╝ck einen Berg herauf rollen muss, der kurz bevor Sisyphus die Arbeit zu einem Erfolg bringen kann, den Berg wieder herunter rollt, m├╝ssten wir unser Leben immer wieder von Neuem bew├Ąltigen. Sehen wir das als Geschenk oder Strafe an? War unser bisheriges Leben lebenswert? Was hat das bisherige Leben wertvoll gemacht, was hat ihm einen Sinn gegeben?

    Wenn wir unser Leben in eine Endlosschleife f├╝hren, m├╝ssen wir alle Werte, die ├╝ber unser pers├Ânliches Leben hinaus gehen, fallen lassen.

    Wir werden im Falle einer Endlosschleife damit konfrontiert, dass es keine von unserem Leben unabh├Ąngigen Werte gibt. Nichts ist mehr Selbstzweck au├čer unser eigenes Leben. Wenn der Sinn unseres Lebens darin besteht, f├╝r etwas zu leben, das ├╝ber unser eigenes Leben hinausgeht, seien es bestimmte Anerkennungen oder Projekte, in denen wir uns selbst verwirklichen, oder Personen, f├╝r die wir Verantwortung ├╝bernehmen und/oder uns verbunden f├╝hlen, oder sei es die Weltgemeinschaft der Menschen, f├╝r die wir leben, sehen wir uns durch eine Endloswiederholung um diese Werte betrogen, denn in dieser geht es nur um uns.

    Welchen Sinn auch immer wir unserem Leben zuschreiben, er darf nicht ├╝ber unser pers├Ânliches Leben hinausgehen, damit wir einer Endlosschleife zustimmen k├Ânnen. Alle Arbeiten und Aufopferungen werden zur sinnlosen Sisyphusarbeit; es bleibt nur das pers├Ânliche Gl├╝cks- oder das Zufriedenheitsempfinden in den einzelnen Momenten unseres Lebens. Ist das der Sinn unseres Lebens?

    Die Vorstellung, dass das Leben in einer Endlosschleife verl├Ąuft, scheint die Frage nach dem Sinn noch dringlicher zu stellen als die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist. Gl├╝cklicherweise ist jenes Angebot der Wiedergeburt aber nur theoretischer Natur. Falls dennoch jemand auf Sie zukommen wird und Ihnen tats├Ąchlich genau dieses Angebot machen wird, wird es sich gelohnt haben unabh├Ąngig davon, ob Sie einwilligen werden und genau diesen Moment unendlich oft erleben werden oder Sie ablehnen werden und dieser Moment f├╝r immer vergangen sein wird, die Momente Ihres Lebens genossen zu haben.